Arbeiten an der demokratischen Nachhaltigkeit – jetzt erst recht!

Längst wissen oder ahnen wir, dass politische Unzufriedenheit die Anzahl von Protestwählerstimmen dramatisch erhöhen kann. Daher schienen mir zwei Artikel, welche die beiden Politikwissenschaftlern Foa und Mounk im Journal of Democracy (Juli 2016 bzw. Januar 2017) publizierten, auf den ersten Blick beachtenswert. Die Autoren legten gestützt auf ausgewählte Umfragewerte dar, das Vertrauen in die Demokratie habe innerhalb weniger Jahrzehnte weltweit, insbesondere aber bei jungen Erwachsenen, dramatisch abgenommen.
Bei genauerer Betrachtung des vom Autorenteams verwendeten Zahlenmaterials kamen allerdings immer mehr Zweifel auf. Offenbar wurden Daten speziell herausgepickt, die solche Trends teilweise beinhalten mögen – obschon bereits eine leichte Verschiebung der Umfrageperioden oder der berücksichtigten Staaten, oder in den auferlegten Antwortkriterien, für die Auswertung bereits wieder ganz andere Resultate ergeben.
Die behauptete alarmierende Lage lässt sich aufgrund des vorhandenen Datenmaterials (und der verwendeten Methoden) gar nicht nachweisen.
Ein Bericht darüber ist in der Onlinezeitschrift INFOsperber nachzulesen.

Deutlich zumindest für Fachpublikum war bereits der Hinweis des seit 1966 an der University of Michigan forschende Politikwissenschaftlers Roland Inglehart in einem kommentierenden Artikel, welcher 2016 unter dem Titel HOW MUCH SHOULD WE WORRY? gleichzeitig mit jenem von Foa und Mounk in Journal of Democracy erschienen war: Multivariate Analysen ermöglichen die gleichzeitige Untersuchung des Datenmaterials auf verschiedene statistische Trends hin. Diese neuere Methodik erlaubt eine effizientere Nutzung des Gesamtdatenmaterials unter Vermeidung des selektiven Herauspickens von einzelnen Datensubsets.
Inglehart verweist auf zahlreiche Auswertungen von solchen differenzierenden Analysen, die nahelegen, dass ökonomische Entwicklungen weltweit spezifische Veränderungen auf struktureller Ebene (insbesondere gut ausgebildete und organisierte Arbeitskräfte) sowie kulturelle Entwicklungen wie etwa die Betonung von Selbstverwirklichungswerten mit sich bringen. In Wissensgesellschaften gewöhnen sich die Menschen daran, selber Initiative ergreifen und (mit-) entscheiden zu können, während Modernisierungen längerfristig die Tendenz zu ökonomischer Sicherheit verstärken. Zwar gibt es dabei auch immer wieder Rückschläge, ebenso wie in der Bevölkerung auf Unverständnis fallende politische Entscheide, welche das Vertrauen in die Regierungen schwächen können. Solche Effekte erweisen sich normalerweise jedoch als untergeordnete Faktoren.

Eine weitere Kritikerin (Pippa Norris) verweist zudem auf frühere Studien von Arend Lijphart, welche aufzeigen, dass die Zufriedenheit in Staaten mit Mehrheitsregierungssystemen und hohem Integrationspotenzial höher sei als in solchen, die nach dem Prinzip „the winner takes all“ regiert werden und zu grösseren sozialen Ungleichheiten neigen.

Trotzdem – oder gerade auch deshalb – bleibt eine gewisse Beunruhigung zurück. Ist die Offenheit und Integrationsfähigkeit der (mehr oder minder) demokratischen Staaten ausreichend, um im Zeitalter der Migration, Globalisierung und Digitalisierung jene existenzielle Grundsicherung und Bildungslevels – nicht nur auf bisherigem Stand zu erhalten, sondern – weiterzuentwickeln, welche den demokratischen Institutionen zugrunde liegen und zur freiheitlich-rechtsstaatlichen Orientierung beitragen?
Ein paar Ideen, die mir in dieser Hinsicht (und in grösserem Massstab, z.B. Dank Förderung durch die EU) verfolgenswert scheinen:

  • Projekte zur Wiederaufforstung und nachhaltigen Landwirtschaft (inklusive Ausbildung der Anwohner in ökologischen Landwirtschafts- und Baumethoden) etwa in der Sahelzone und anderen Wüstengebieten, wie sie z.B. von Biovision und NewTree schon länger verfolgt werden. Wichtig ist dabei, dass die Landbevölkerung eine gewisse Selbständigkeit erlangen und erhalten kann, um den viziösen Zirkeln von Armut, Abhängigkeit, Landerosion, Krieg und noch mehr Abhängigkeit eher zu entkommen. Eine internationale Beaufsichtigung solcher Projekte wäre sinnvoll, um solche Zonen besonderem Schutz zu unterstellen.

  • Mehr (direkte) Demokratie auch in der Europäischen Union (s. dazu ein Interview mit Andreas Gross im INFOsperber – der folgende Blogbeitrag wird ebenfalls davon handeln).
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